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29.01.2021 Andreas Frischholz

Der große Pieks: Die Geschichte der Behringwerke

Pferde waren wichtig am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Nicht nur als Fortbewegungsmittel in Zeiten vor dem Auto, sondern auch für die Impfstoffproduktion. Impfstoffe waren damals noch etwas ganz Neues und versprachen, großes menschliches Leid zu lindern. Denn gegen Infektionskrankheiten war man zuvor weitgehend machtlos gewesen.  Hunderte Tiere waren nötig, um an den Marburger Behringwerken Blutserum zu gewinnen, das gegen Infektionskrankheiten wie Diphterie und Tetanus schützte. Damals waren das noch Krankheiten, die eine Vielzahl von Todesopfern forderten. All dem vorausgegangen war die Forschungsarbeit von Emil von Behring (1854 bis 1917), der seine Karriere als Militärarzt startete, in Berlin seine Durchbrüche in der Forschung erzielte und schließlich in Marburg als Professor für Hygiene und Unternehmer die Impfstoffproduktion startete. Und damit die Grundlage für einen Pharma-Standort legte, der heute eine globale Reichweite und Bedeutung hat. Wer jetzt Sorge um die Pferde hat: Sie wurden auf dem Gelände in Ställen gehalten und gut versorgt, sie waren sozusagen ganz besondere Mitarbeiter:innen.

(Titelbild: Das Behring-Hauptwerk um 1995)


Emil von Behring: Der Weg nach Marburg

Geboren wurde Emil Adolf Behring am 15. März 1854 im westpreußischen Hansdorf. Mit zwölf Geschwistern, die sein Vater aus zwei Ehen hatte, wuchs er in einfachen Verhältnissen auf. Der Besuch eines Gymnasiums war durch Förderungen sowie einzelne Stipendien möglich. Durch die Unterstützung eines befreundeten Militärarztes konnte er ein Medizinstudium in Berlin aufnehmen. Das Militär bestimmte in den 1870er Jahren zunächst auch seine Karriere. Durch das Studium am Militärärztlichen Institut erhielt er eine Ausbildung, bei der Wert auf die Seuchenbekämpfung gelegt wurde. Danach war er erst als Truppenarzt tätig, 1887 erfolgte die Ernennung zum Stabsarzt. Die Bedürfnisse des Militärs bestimmten dann auch seine zukünftige Forschung: Es ging um Hygiene, die Wundversorgung (Tetanus) sowie generell die Bekämpfung von Seuchen.

 

von Behring prüft die Produktion, um 1910
Bildquelle: Pharmaserv - "100 Jahre im Dienst der Gesundheit - Vom "Behringwerk" zum Biotech-Standort"

In dieser Zeit hatte er auch erstmals Kontakt mit einer Diphtherie-Epidemie. Die Diphtherie ist eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Corynebacterium diphtheriae übertragen wird und vor allem Kinder befällt. Bricht die Diphtherie aus, ist häufig der Rachen betroffen – mit Schmerzen, Fieber, weißlichen Belegen und auch Schwellungen, die zur Luftnot führen können. Daher galt die Diphtherie zu Zeiten von Behring auch als „Würgeengel der Kinder“. Unbehandelt starben viele, so waren es in den 1880er Jahren rund 70.000 Kindern pro Jahr, die der Diphtherie zum Opfer fielen.

Als Assistent am Institut für Infektionskrankheiten von Robert Koch nahm seine Forschungsarbeit an Fahrt auf. Zusammen mit den Kollegen Shibasaburo Kitasato, Erich Wernicke sowie Paul Ehrlich arbeitet er an Heilseren gegen Diphtherie und Tetanus, den Wundstarrkrampf. Das Prinzip bedeutet vereinfacht gesagt: Mit abgeschwächten Erregern immunisierten die Forscher zunächst Ratten, Meerschweinchen und Kaninchen gegen Diphtherie und auch Tetanus. Hierbei handelt es sich um die sogenannte aktive Immunisierung. Aus dem Blut dieser Tiere wurde nun ein Serum erstellt, dass Tieren injiziert wurde, die zuvor mit dem jeweiligen Erreger infiziert wurden – durchgeführt wurde dann also eine passive Immunisierung. Die Therapie gelang, die Tiere wurden auf diese Weise geheilt. Und Behring und Kitasato nutzten damit erstmals eine passive Immunisierung, um eine Infektionskrankheit zu bekämpfen. Das war der wissenschaftliche Durchbruch für die Blutserumtherapie. 1891 konnte erstmals ein an Diphtherie erkranktes Kind geheilt werden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde das Verfahren optimiert. Filmisch dargestellt wurde diese Zeit übrigens vor wenigen Jahren im ersten Teil der Serie „Charité“ der ARD. Behring galt als „Retter der Kinder“ und erhielt nicht nur den Adelstitel, sondern 1901 auch den ersten Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Zu dieser Zeit hatte es Emil von Behring bereits nach Marburg verschlagen. 1895 trat er dort die Stelle als Ordinarius für Hygiene an und fungierte als Direktor des Hygienischen Instituts.


Startschuss für die Behringwerke

Neben der Tätigkeit an der Universität setzte Behring in Marburg auch seine Forschungsarbeit fort. Unterstützt wurde er von den Farbwerken aus Höchst, die ihm ein Privatlaboratorium auf dem Schlossberg finanzierten. Mit den Farbwerken verbunden war er bereits seit 1892. Sie hatten die Bedeutung des Diphtherieserums frühzeitig erkannt und waren in die Produktion und den Vertrieb eingestiegen. In Marburg setzte sich die Kooperation fort, bis Behring 1904 den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. So entstanden 1904 die Behringwerke. Der Gutshof „Bunter Kitzel“ in der Nähe des Schlossparks war die erste Abfüllstation, hinzu kamen Ländereien im Hinkelbachtal sowie auf der nach seiner Frau benannten Elsenhöhe. Von Anfang an mit dabei war der Marburger Apotheker Dr. Carl Siebert, der die kaufmännische Führung übernahm. Ab 1909 führte Siebert das Unternehmen als Einzelkaufmann, Behring blieb als stiller Teilhaber im Betrieb und leitete die wissenschaftliche Arbeit. Der Standort wurde in dieser Zeit bereits ausgebaut. 1913 erfolgte der Kauf einer Dampfziegelei in der Marbach – geschaffen wurde damit die Grundlage für das heute noch existierende Hauptwerk, nach dem wir in unserem Marburg-Rätsel gefragt haben. Vor allem der 1. Weltkrieg hatte stark positive Auswirkungen auf die Produktion, weil die Nachfrage nach dem Tetanusheilserum stieg. Ablesbar ist das in den Zahlen: Die Anzahl der Serumpferde lag im Jahr 1914 noch bei knapp 40 Tieren. Zwei Jahre später waren es über 300 Pferde.

Pferde in der Ketzerbach auf den Weg zu den Behringwerken, 1950er Jahre
Bildquelle: Pharmaserv - "Emil von Behring - Arzt, Wissenschaftler, Unternehmer"


Krisen, Kriege und Entwicklung   

Was aber folgte, waren krisenhafte Zeiten. Mit dem Tod Emil von Behrings im Jahr 1917 verloren die Behringwerke ihre Führungsfigur. Hinzu kam die unruhigen Jahre nach dem 1. Weltkrieg und die Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre. Die Behringwerke überstanden das, wurden aber 1929 von der I.G. Farbenindustrie AG übernommen – es war im Kern also wieder die alte Partnerschaft mit Höchst, die den Bestand des Unternehmens sicherte. Allein durch die Bedeutung des Namens „Behring“ blieb das Marburger Unternehmen als eigenständige Beteiligungsgesellschaft erhalten. Der Vertrieb der Produkte lief allerdings über Bayer, damals ebenfalls ein Teil der I.G. Farbenindustrie AG. Auch unter dem NS-Regime existierte die Verbindung weiter. Der Standort in Marburg galt aufgrund der Serenproduktion als „kriegswichtiger Betrieb“, die Wehrmacht hatte einen großen Bedarf. Wie in vielen Industriestandorten wurden auch in Marburg Zwangsarbeiter:innen eingesetzt – die Aufarbeitung der Geschehnisse erfolgte in den 1990ern Jahren. Die Betroffenen, die dann noch lebten, erhielten Entschädigungen.

Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg ist charakterisiert durch massive Umbrüche. Sowohl die Belegschaft als auch die Anzahl der Tiere reduzierte sich. Bis zum Februar 1947 waren nur noch 541 Personen im Werk beschäftigt (Höchststand waren zuvor fast 900 Personen in 1943), der Tierbestand reduzierte sich auf die Hälfte und betrug nun rund 700 Pferde. Zudem wurde die I.G. Farbenindustrie von den Alliierten zerschlagen.

Die Besitzverhältnisse wandelten sich also erneut. Die Behringwerke hatten zwei Optionen: Sich entweder den 1951 neugegründete Farbwerken Höchst oder Bayer anschließen. Am Ende fiel die Entscheidung auf die Höchst AG, unter dem Dach des Konzerns konsolidierten sich die Behringwerke. Mehr als 10 Millionen DM investierte der Höchst-Konzern in Laboratorien und Betriebsanlagen, ebenso modernisiert wurden damals noch die Stallungen für die Tiere. Bei der Forschung gab es wichtige Fortschritte und Meilensteine: neben der Serengewinnung etwa auch in der Blutanalyse sowie der Entwicklung von weiteren Impfstoffen. So kam Ende der 1950er ein Dreifachimpfstoff auf den Markt, der einen Schutz gegen Diphtherie, Tetanus und Polio bot. Das Forschungsfeld wurde im Laufe der 1960er Jahre zunehmend ausgebaut und modernisiert. Weitere Gebiete waren nun etwa der Bereich der Blutgerinnung und der Diagnostik. Es war eine Entwicklung, die sich auch räumlich bemerkbar machte. Neben dem Ausbau des bisherigen Werksgeländes in der Marbach entstand ab 1968 der Standort am Görzhäuser Hof. Bis in die 1980er entwickelten sich die Behringwerke innerhalb des Höchst-Konzerns zu einem der weltweit führenden Standorte für die biotechnische Industrie.


Die Behringwerke heute: ein hochmoderner Biotech-Standort

Was die aktuelle Gegenwart aber prägt, sind die Entwicklungen der 1990er Jahre. Es war ohnehin das Zeitalter der unternehmerischen Umbrüche. Eingeläutet wurde das Ende der sogenannten Deutschland AG – einem Geflecht deutscher Unternehmen, das sich in der Nachkriegszeit entwickelt hatte. Strukturen galten als verkrustet, Reformen sollten her. So auch bei der Höchst AG mit dem „Aufbruch 94“, hier unter dem Motto „Entrosten und Entfrosten“. Geradlinig verlief der Reformkurs nicht. Die Höchst AG wurde umgewandelt in eine Holding, einzelne Bereiche des Standorts wurden in separate Gesellschaften überführt. Joint Ventures wurden geschlossen, Besitzverhältnisse wandelten sich.

Behringwerke: Standort Görzhausen

Entwicklung des Standorts in Görzhausen (ab 1968)
Bildquelle: Pharmaserv - "Emil von Behring - Arzt, Wissenschaftler, Unternehmer"

So formte sich nach und nach der heutige Standort, an dem Firmen wie CSL Behring, GSK, Siemens Healthineers und nun auch Biontech tätig sind. Verwaltet wird der Standort seit 1996 von der Betreibergesellschaft pharmaserv Marburg, die für die Immobilien, die Infrastruktur und Services verantwortlich ist. Und wieder ist der Standort in Marburg wichtig, um eine große Plage der Menschheit zu bekämpfen: mit einem Impfstoff gegen Covid19, den das Mainzer Unternehmen Biontech auch in einem Werk in Marburg herstellt. Und was ist mit den Pferden? Die werden heute nicht mehr benötigt. Den treuen Mitarbeiter:innen wurden als Andenken zwei Pferdeskulpturen aus Bronze am Hauptstandort aufgestellt.

Wer übrigens Lust hat, die Geschichte des Standorts zu erkunden: Die Stadt bietet eine Behring-Route, die Einblicke in historische Gebäude und Orte ermöglicht!

 

Quelle:

Pharmaserv: 100 Jahre im Dienst der Gesundheit - Vom "Behringwerk" zum Biotech-Standort
Pharmaserv: Emil von Behring - Arzt, Wissenschaftler, Unternehmer

 

29.01.2021 Andreas Frischholz