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03.09.2020 Chiara Burgard

Theater in die Stadt holen: „nearly close enough to kiss“ – eine Hommage an das Unverzichtbare

Staunende Besucherinnen und Besucher laufen in dieser Woche durch die Marburger Oberstadt und bleiben nicht selten in der Wettergasse 26 stehen: Hier hat das „Theater neben dem Turm“ eine temporäre Spielstätte aufgebaut und zeigt „nearly close enough to kiss“ – eine Hommage an das Unverzichtbare, das gerade in den aktuellen Zeiten einer Pandemie umso sichtbarer wird.

 

„Sag alles ab“ von der Rockband Tocotronic dröhnt durch die Boxen, ich schaue mich um und blicke verwundert auf das Schaufenster, das zur Bühne mit Glaswand umfunktioniert wurde. „Wir wollen mehr in die Stadt hineinkommen und unser Theater sichtbar machen – auf eine Corona-kompatible Weise“, sagt Charlotte Bösling, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Theater neben dem Turm (TNT). Das Theater-, Performance- und Musikprojekt „nearly close enough to kiss“ hat sich der Corona-Zeit angepasst und Live-Performances möglich gemacht. Statt eines Streaming-Dienstes zeigt das TNT Eins-zu-Eins- oder Eins-zu-Zwei-Performances oder tritt hinter einer Glaswand im Schaufenster auf.

 

Der Kultur keine Absage erteilen

Absagen

Täglich von 12.00 bis 15.00 Uhr hat Katrin Hylla, aktiv in der künstlerischen Leitung des TNT, ihr „Büro für Ab- und Ansagen“ geöffnet. Dorthin lädt sie Passant:innen ein und fragt, welche An- und Absagen gerade anstehen. Vielleicht mal dem Regen und schlechten Wetter eine Absage erteilen? Der Sonne eine Ansage erteilen? Das und viel mehr macht die Kunstschaffende möglich. Obwohl gerade in der aktuellen Zeit die Absagen für zahlreiche Veranstaltung stark zugenommen haben, will Hylla einer bestimmten Sache keineswegs keine Absage erteilen: „Wir brauchen die Kultur zum Leben“, ist sich die Künstlerin sicher. Also hat sie die interaktive Performance „Absagen des Tages“ ins Leben gerufen. Sie sammelt Meldungen von Bürgerinnen und Bürger und trägt diese dann über Lautsprecher an das Publikum in der Wettergasse vor. Ich schmunzle über die teilweise abstrusen Absagen – auf Angebote bei eBay Kleinanzeigen, auf Verabredungen und vieles mehr.

 

1:1-Performance: Man wird Teil der Aufführung

Die 1:1- oder 1:2-Performance spricht die Einladung aus, sich zu trauen und auf etwas einzulassen: Die Künstler:innen verschenken 15-minütige Live-Performances an ein Publikum von bis zu zwei Personen und bereiten somit ein ganz besonderes Theater-Erlebnis.

Vor meiner ganz persönlichen Show bin ich etwas aufgeregt – was mich da erwartet? Das Stück „Ich sehe was, was Du nicht siehst…! – Eine Performance für die Sinne“ von Camil Morariu entführt mich in eine Dystopie. „Willkommen zu deiner Reise“, begrüßt Morariu mich und legt mir zu Beginn eine Rettungsweste um. Meine Augen werden verbunden und ich sitze auf einem Stuhl, der auf Rollen steht. Mit seiner sanften Stimme schildert mir der Künstler eine Welt, in der menschliches Leben nur durch die Hilfe von Maschinen funktioniert und soziale Kontakte nur über den Bildschirm gepflegt werden. Ein „Schauder“ läuft mir über den Rücken, so groß ist die Parallele zu der derzeitigen angespannten Situation rund um die Corona-Pandemie. Während der Erzählung verliere ich das Zeitgefühl, mein Stuhl wird hin und her geschoben, verschiedene Gerüche werden versprüht und die Musik erklingt aus verschiedenen Standorten im Raum – eine beeindruckende Aufführung.

Die weiteren Programmpunkte suchen nach Möglichkeiten des Gefühlsausdrucks, wie dem Weinen oder dem Schreien und zeigen ein weites Spektrum an Inhalten. Dass die Zuschauer:innen begeistert sind, freut besonders das Orga-Team des Projekts: „Alle exklusiven Performances waren bisher ausgebucht!“

 

Nearly close enough to kiss – fast dran aber eben nicht ganz

Foto: Charlotte Bösling

Foto: Charlotte Bösling (Theater neben dem Turm)


Der Name des Projektes „nearly close enough to kiss“ (ncetk) trifft die Idee der Zeit: Die Abwesenheit des Moments der Intimität, Liebe und Freundschaft wird unter den aktuellen Hygienevorschriften deutlich. Fast, aber eben nur fast, ist man sich nahe, jedoch immer abgegrenzt durch Mund-Nasen-Schutz oder Sicherheitsabstand. Passend dazu hat Charlotte Bösling eine Licht- und Videoinstallation entwickelt, die man sich nachts durch das Schaufenster anschauen kann und die die Abwesenheit des Moments des Kusses veranschaulicht. Die Künstler:innen wollen mit „ncetk“, dem Publikum nahe zu sein – trotz der gegenwärtigen Umstände.

 

Das TNT in der Oberstadt

 

Neu ist die Idee, das Theater in die Stadt zu holen für das Team des TNT nicht: in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Performances in der Innenstadt und kürzlich hat Rolf Michenfelder, Teil der künstlerischen Leitung im TNT, eine individuelle Audiotour durch Marburg konzipiert. Das Team des „Theater neben dem Turm“ besteht aus fünf engagierten Persönlichkeiten, bei dem neuesten Projekt „ncetk“ wirken rund 15 Künstler:innen und Helfer:innen mit. Katrin Hylla und Charlotte Bösling sind sich einig: „Wir wollen auch anderen Schauspieler:innen und Kunstschaffenden, die zum aktuellen Zeitpunkt keine Auftrittsmöglichkeiten haben, eine Bühne geben.“ So hat sich eine bunt gemischte Gruppe aus ganz Hessen zusammengefunden und die Proben in der temporären Spielstätte liefen hervorragend. Die Künstler:innen haben sich häufig ihren eigenen „Mini-Performance-Space“ aufgebaut und aus einem leer stehenden Geschäft einen wahren Schauplatz für kreative Arbeit geschaffen. Die Idee, in einem nicht besetzten Geschäft aufzutreten, wurde durch „Marbuger FreiRAUM“ geschaffen: eine Initiative, die Freiräume nutzen will, bevor Leerräume entstehen.

 

Wer „nearly close enough to kiss“ selbst erleben will, hat noch bis Samstag, 05. September 2020 die Möglichkeit dazu. Täglich ab 12.00 Uhr gibt es ein abwechslungsreiches Programm aus Live-Performances, Silent Discos und Aufführungen im Schaufenster. Weitere Informationen gibt es unter www.theaternebendemturm.de/show-item/nearly-close-enough-to-kiss/.

Bilder

03.09.2020 Chiara Burgard